Berichte von 04/2015

Wenn man das Kopfkino nicht mehr braucht, weil die Realität so viel schöner ist [Tasmanien's Ostküste]

Sonntag, 05.04.2015

Auf ging es auf einen kleinen Trip entlang der Ostküste Tasmaniens. Sachen, die für diesen Ausflug überflüssig waren, ließ ich im Hostel zurück und füllte den gewonnenen Platz mit Essen und einigen Wasserflaschen für die kommenden sechs Tage auf. Einkaufsmöglichkeiten gibt es in Nationalparks so gut wie keine.

Mein erster Zwischenhalt hieß Bicheno. An der netten Touristeninformation durfte ich mein Gepäck lassen und konnte so den vierstündigen Aufenthalt und die regenfreie Phase für eine Runde entlang der Küste unbeschwert nutzen.

Bicheno Bicheno Blowhole in Bicheno

Die nächsten Tage verbrachte ich im Freycinet Nationalpark, wo sich Wineglass Bay befindet – ein Bucht, die auf jeder Postkarte zu finden ist. Früher wurden hier Wale getötet. Durch das Blut, das an diesen gekrümmten Sandstreifen gespült wurde, sah es von oben wie ein mit Rotwein gefülltes Glas aus – daher der Name. Die Kombination von Meer, Strand, Bergen und Wald gefielt mir sehr und so erkundete ich zu Fuß, was ich nur konnte. Dann gab es noch eine Schlange am Wegesrand, die mir einen halben Herzinfarkt verschaffte.

Wineglass Bay, Freycinet National Park Freycinet Nationalpark  Hazards, Freycinet National Park Freycinet National ParkFreycinet Nationalpark Wallabies im Freycinet Nationalpark

Von dort ging es eine Busstunde entfernt zur der Fähre auf Maria Island. Der Busfahrer war neidisch und auf der Insel angekommen, hieß mich auch der Bootsführer im Paradies willkommen. Ich war sehr gespannt. Weniger zu Fuß, mehr mit dem Fahrrad umrundete ich die Insel mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 20 km. Wenn man unberührte Natur finden möchte, dann definitiv hier. Manchmal vergingen Stunden, bis ich auf andere Leute traf. Wie kann man es beschreiben? Türkisfarbenes Wasser, von der Natur bemalte Felsen, Klippen, in denen man Fossilien findet, feiner Sand, Ruinen, die an das 19. Jahrhundert erinnerten, als Sträflinge hier gehalten wurden und eine Menge freilebende Tiere. Zum ersten Mal konnte ich Wombats streicheln. Das sind drollige Tiere, die aufgrund ihrer Masse nicht gerade schnell flüchten können, es aber immer wieder versuchen. Auch ganze Wallabyfamilien, kleine Kängurus, waren hier zu Hause.

Maria Island Maria Island Maria Island  Maria Island

Maria Island ist eine grüne, sehr grüne Insel. Die zwei Tage und zwei Nächte waren schon ein kleines Abenteuer für mich. Die Insel ist unbewohnt, es gibt keine Einkaufsmöglichkeiten und vor allem (fast) keinen Strom. Als Übernachtungsmöglichkeit gibt es Campingplätze. Ich entschied mich aber für die Luxusvariante mit einer Matratze im alten Gemäuer – ein Mehrbettzimmer für mich allein. Herkömmliche batteriebetriebene Leuchten und Gasherde waren nicht wegzudenken. Ich muss an der Stelle erwähnen, dass es im Aufenthaltsraum einige Steckdosen und solarbetriebene Bewegungsleuchter gab. Im Schlafraum allerdings war nichts dergleichen vorhanden. Was macht man, wenn es dunkel wird ohne Licht, Fernseher und in einer Zeit, wo der Handyakku selbst bei geringer Nutzung nur noch einen Tag hält? Man kann noch nicht mal zum Kühlschrank gehen und nach Beschäftigung suchen. Man fand sich also in Grüppchen zusammen und unterhielt sich. Nach Sonnenaufgang krochen alle aus ihren Betten um das Sonnenlicht in vollen Zügen zu nutzen. Wie in den alten Zeiten, kann ich mir vorstellen.

Maria Island Maria Island 

Rückblickend bin ich froh, diese Tour organisiert bekommen zu haben. Busse sind nicht flächendeckend im Einsatz und verkehren nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen, nicht oft. Trotz Buchung wurde ich einmal vergessen und der Busfahrer musste nach einigen Kilometern eine Wende machen. Es war Freitag Abend, der nächste Bus wäre erst Montag wieder gefahren und meine Anschlussverbindungen hätte ich vergessen können. Es hat sich dennoch gelohnt und lange Wartezeiten stören mich schon lange nicht mehr. Ich hoffe, dass Maria Island auch in 10 Jahren noch so natürlich und rein ist und sich nicht dem Komfort des Massentourismus anpasst. 

Mein erster Roadtrip [Launceston]

Montag, 13.04.2015

Unmittelbar nach meinem Trip an die Ostküste Tasmaniens stieg ich in den Bus nach Launceston, sonst wäre ich so schnell über die Osterfeiertage nicht mehr vom Fleck gekommen. In Launceston, der zweitgrößten Stadt der grünen Insel, gibt es außer einer Wanderung zum Cataract Gorge, einem Stadtbummel und schönen Joggingstrecken entlang des Flusses leider nicht viel zu bieten. Auch über Ostern war gänzliche Ereignislosigkeit und so nutzte ich die Zeit, meine letzten Tage in Tasmanien zu verplanen. Ich wusste, WOHIN ich wollte, nämlich in den Norden und Westen sowie in das Inselinnere, aber die Frage war WIE. Ein kurzer Blick auf die Busfahrpläne, ein grober Kostenüberschlag und die Antipathie gegenüber Tasmanien's geführte Touren ließen mich über Alternativen nachdenken. Eigentlich gab es nur eine – ein Mietwagen. Und so fuhren wir los, der kleine KIA und ich.

Cataract Gorge in Launceston

Dank Automatikgetriebe musste ich mich nicht auf das Schalten konzentrieren. Nicht nur einmal wollte ich wie selbstverständlich auf der Beifahrerseite einsteigen. Peinlich. Wenn ich einmal rollte, war die Umstellung auf den Linksverkehr gar nicht schwer und alles ergab sich auf der Straße. Mehrspurige Einbahnstraßen verwirrten mich, gab es aber zum Glück nicht oft.

Für den ersten Tag mit Auto war ich eine von denen, die ich bisher immer beschmunzeln musste: eine unpassend fürs Wandern gekleidete Touristin mit Kamera in der einen und Autoschlüssel in der anderen Hand, die Arme verschränkt, weil es draußen plötzlich kühl ist. Ich genoss die Fortbewegung auf vier Rollen im Moment so sehr, dass ich versuchte, Übersichtstafeln möglichst nah anzufahren und Fotos wo es nur ging von Innen aus zu machen. Da ich bereits Proviant eingekauft hatte, ergab sich für die Mittagspause ein klares Bild in meinem Kopf: das Auto am Wasser parken und unter geöffneter Kofferraumklappe sitzen. Georgetown befand sich am Wasser, haute mich aber nicht um. Mehr versprach ein Ort, der den Namen Beauty Point trägt. Hier wurde ich leider enttäuscht, denn nichts war wirklich beauty und ich ärgerte mich über diese erfundenen Namen mit denen man nur Touristen anlockt. Ich hatte nun ja ein Auto und so ging es weiter nach Sheffield, einem kleinem Countrytown mit Stil, in dem schöne Gemälde die Gebäude verzierten.

Georgetown und Beauty Point Sheffield

Die zahlreichen angefahrenen Kängurus und Wallabys auf den Straßen erinnerten mich daran, dass ich nicht in der Dunkelheit unterwegs sein sollte. Aufgrund der Zeitumstellung am Ostersonntag auf Winterzeit, durch die wir nur noch 8 anstelle von 10 Stunden auseinander liegen, befinde ich mich nun schon ab 18 Uhr auf der Schattenseite der Erde.

Sheffield

Alles in allem war für heute die Fahrt an sich das Highlight - vorbei an alten Farmen, zerfallenen Ställen, stillgelegten Tankstellen, vom Rost zerfressenen Bussen und kleinen Roadhäusern.

Der Roadtrip geht weiter [Tasmaniens Nordwesten]

Mittwoch, 15.04.2015

Ich staunte nicht schlecht, als ich am folgenden Morgen ein zugefrorenes Auto vorfand. Vielleicht war das ein Zeichen, dass ich hätte ein Stündchen länger schlafen sollen? Nichts da. Heute standen einige Wanderungen auf dem Programm und dazu ging es in den Cradle Mountain - Lake St. Clair Nationalpark im Zentrum Tasmaniens.

Dove Lake Cradle Mountain Nationalpark Cradle Mountain Nationalpark

Abenteurer können sich der Herausforderung des bis zu 80 km langen Overland Tracks stellen, ein Wanderweg von Nord nach Süd, über Gebirgsketten, Schluchten, Wasserfälle, Stöcke und Steine für den man etwa sechs Tage benötigt. Hut ab! Ich entscheide mich für ein paar kleine Wanderungen “im Tal“ u.a. um den Dove Lake und werde selbst hier mit einer Naturschönheit belohnt wie aus dem Bilderbuch. Am frühen Nachmittag musste ich mich leider wieder losreißen. Ziel für heute sollte Devonport sein. Aus dem Abstecher zum Leven Canyon wurde eine nicht enden wollende Fahrt durchs Niemandsland. Am Ende bekam ich einen tollen Blick über die vernebelten Wälder und tiefen Schluchten.

Leven Canyon

Am nächsten Morgen fuhr ich an der Nordküste Richtung Westen entlang bis ich in Stanley am Nachmittag ankam. Meine Strecke führte teils direkt an der Küste vorbei, teils auf dem Highway. Alles, was ich zwischendurch auskundschaftete, steiniger Strand in Ulverstone, den Großen Pinguin in Penguin und die kleine Hafenstadt Burnie, war nur der Vorgeschmack auf das, was mich später erwartete. Im ehemals von Aborigines besiedelten und heute nahezu menschenleeren Rocky Cape Nationalpark nahm ich dann endlich mein erholsames Picknick im Paradies ein, womit ich ungewollt einige Wallabys anlockte.

Ulverstone und Penguin Rocky Cape Nationalpark

Schon von Weitem konnte ich mein Ziel für den heutigen Tag sehen, The Nut, ein Plateau im Wasser. Dort angekommen und bereits nach einigen Minuten steilen Anstiegs hatte ich eine grandiose 360° Aussicht. Die Wiesen sahen von hier oben aus wie die Grünstreifen von Modelleisenbahnen – wie ausgerollt, eben nicht real. Ich habe einige Zeit auf dem Felsen verbracht bis ich mich nochmal ins Auto gesetzt habe um dem Sonnenuntergang entgegen zu rollen. An einem so wunderschönen Zipfel der Insel staunte ich nicht schlecht, dass das Hostel für diese Nacht leer blieb.

The Nut in Stanley

Der Roadtrip geht zu Ende [Tasmaniens Westen und Zentrum]

Samstag, 18.04.2015

Die letzten zwei Tage waren wir uns sehr nahe, der KIA und ich. Ich stieg morgens ein und bis auf einige kurze Fußmärsche zwischendurch erst am Abend wieder aus. Aufgrund von Serpentinen und Schotterwegen, die ich unbedingt erkunden musste, brachte ich es am Ende des Tages auf dennoch nicht mehr als 350km. Hier sollte man den Zeitangaben zwischen den Ortschaften mehr Aufmerksamkeit schenken als den Entfernungsangaben in Kilometer.

Für den vorletzten Tag hieß das Ziel Strahan, die einzige Stadt an der Westküste. Stadt ist vielleicht übertrieben. Da ich unbedingt noch einen Wasserfall sehen wollte, machte ich einen Umweg zu den Dip Falls. Die nahezu regenfreien letzten Tagen trugen dazu bei, dass dieser Wasserfall alles andere als mächtig und laut war. Unweit von hier wuchsen die Big Trees. Das sind gigantisch große Bäume mit einem Umfang von bis zu 17 m. Weiter rollte ich durch fades Farmland, wo Rinder die Straße überqueren, überdimensionale Traktoren entgegenkommen, mich die Farmer mit Handzeichen grüßten und sobald der Motor aus ist, eine Totenstille herrscht. Herrlich abgeschieden. Ich steige aus und schaue zurück: Damals, da hinten, als ich dachte, es geht nicht mehr weiter...

Dip Falls und Big Tree Weg nach Strahan

Den folgenden Tag fuhr ich vom Westen wieder zurück nach Hobart, wo mein Trip endete. Von Strahan aus führte die Strecke über Queenstown und ich war mitten in einem ehemaligen Bergbaugebiet. Lange Zeit wurde hier Kupfer abgebaut, aber heute wirkt der Ort leider wie ausgestorben. Als ich die rosa, graue und leuchtend braune Färbung der Berge verließ war ich wieder von Wald umgeben und erreichte schon bald die südliche Ecke des Cradle Mountain – Lake St. Clair Nationalpark. Am Lake St. Clair, dem tiefsten See von Australien, ist übrigens das Ziel des Overland Tracks.

Queenstown Queenstown Lake St. Clair

Somit geht auch meine Zeit in Tasmanien dem Ende zu und aus den ursprünglich geplanten zwei Wochen wurden vier. Mein Fazit lautet: Es spielt sich alles in den Nationalparks ab, gerade weil sich dort nichts abspielt. Man denkt anfangs, irgendwo sind die Parks alle ähnlich, aber das ist nicht der Fall. Jedoch kommt man oft nur mit geführten Touren oder Leihwagen an diese unberührten geheimnisvollen Plätze.

200 Tage seit Abreise in Frankfurt sind vergangen – ein Rückblick

Donnerstag, 23.04.2015

Seit dem letzten 100-Tage-Feedback habe ich vier Staaten durchreist – New South Wales, Victoria, Tasmanien und seit einigen Tagen South Australia. Der Herbst hat begonnen und die Aussage „Du bist aus Deutschland, du musst Kälte doch gewohnt sein“ macht mir auch keinen Mut. Die letzten 100 Tagen waren gegensätzlich und gerade deshalb so aufregend. Was ist passiert? Ich stand im Parlamentshaus von Australien, im Pferdestall mit Gummihandschuhen und Mistgabel, mit Augenschutz und Schweißgerät in der Werkstatt, mit Pfeife und Marshall-Trikot am Formel1-Ring, mit Maskara vor dem Spiegel für die Afterparty, in Nationalparks Tasmaniens umgeben von unberührter Natur, auf der Trittstufe des Campervans sich an der Fahrertür festhaltend irgendwo entlang der Great Ocean Road und an der Kreuzung ins Paradies.

Irgendwann in den letzten 100 Tagen realisierte ich, dass ich mit dem Gepäck, welches ich in Deutschland bis ins Kleinste geplant und zusammen gestellt habe, auskommen KANN, aber auf Dauer nicht MÖCHTE. Für den Komfort benötige ich dann doch etwas mehr, sei es die zweite Sorte Müsli oder die Sonnencreme in Übergröße. Meine Bodylotion ist gleichzeitig meine Hand- und Gesichtscreme und manchmal dient sie auch zum Abschminken. Damit hab ich kein Problem. Statt Wattepads hat sich Toilettenpapier bewährt. Vanielle-Zimt-Wellness-Duschgel gab es früher auch nicht, da musste es mit Seife gehen. Obwohl … so ein Vanielleduft in der Dusche schon traumhaft ist.

Beim Packen in Deutschland habe ich darauf geachtet, dass alle Kleidungsstücke miteinander kombinierbar sind, wenig Volumen und Gewicht einnehmen, nicht knittern, zusammen waschbar sind und schnell trocknen. Für alle Gegebenheiten war ich bestens ausgerüstet. Erst in Sydney entwickelte sich der Drang, etwas zu kaufen, was einfach nur schick ist – Praktikabilität sekundär. Einige Sachen möchte ich mir einfach gönnen und nehme in Kauf, das zusätzliche Gewicht zu schleppen. Über den Reiserucksack kommt vorn über die Schultern meine Fresstasche, die dann lang hinunter hängt, sodass mein kleiner Rucksack wiederum darüber passt. Solange ich ausbalanciert bin und die Hände frei habe, kann ich damit einige Kilometer zurück legen.

In den letzten Wochen habe ich Menschen getroffen, deren Persönlichkeit und Gespräche besonders in Erinnerung geblieben sind und mich inspiriert haben. So denke ich an eine 80-jährige Dame, die vor 30 Jahren von Deutschland nach Tasmanien ausgewandert ist. Mit ihr durfte ich eine Woche ein Zimmer teilen. Ihre Lebensgeschichte war außergewöhnlich und belehrend. Sie erzählte vom Auswandern, von ihrer Freundin, der dicken Edith, und entwickelte einen ausgetüftelten Plan für meine Zukunft. Sie sprach Deutsch und Englisch, sodass es äußert amüsant war, von einer Oma die Worte „connections“, „bloody“ oder „See ya“ im deutschen Sprachgebrauch zu hören.

Darüber hinaus lernte ich einige Abenteurer kennen, die Tasmanien komplett mit dem Fahrrad umrunden oder die mit dem Kajak von Melbourne aus nach Tasmanien rudern und auf den kleinen Inseln zwischendurch übernachten. Ich erinnere mich an einen Portugiesen, der mich auf einen Kaffee in seine Wohnung auf vier Rollen einlud. Schon seit 6 Jahren tourt er mit seinem alten schrill bemalten Truck mit Kräuterbänken an den Fenstern, kleinem Ofen, modischer Küchenzeile, Fußabtreter, solarbetriebener Klimaanlage und einem richtigen Bett mit Bücherregal durch Australien. Wenn er nicht gerade aufräumt oder an der Innenmöblierung bastelt ist er auf Festivals unterwegs.

Der Portugiese in seinem Truck

Und dann war da noch ein Freak kürzlich in einem Hostel, etwa Mitte 60 Jahre. Sein Markenzeichen war eine rote Mütze und ein roter Rucksack. Für mich ging er anfangs als Wanderer durch. Eines Abends entwickelte sich aus einem „Und, was machst du hier?“ ein langes Gespräch in der Küche. Er war erstaunt, dass ich alleine reise und wollte den Grund dafür in den Zahlen meines Geburtsdatums finden. Er schaute immer wieder die Erklärung der Ziffern in seinem Buch, das er in seinem vermeintlichen Wanderrucksack mit sich führte, nach. Während er austüftelte, wer ich war, flackerte plötzlich das Licht in der Küche. Er schrieb Ziffern nieder, strich andere durch, rechnete zusammen und fuhr einige Zahlen immer wieder mit dem Kugelschreiber nach. Er überlegte. Es fiel ihm ein, dass sein ehemaliger Mitbewohner auch eine 3 war. Und dann war da noch eine 6. Oh! Das Licht flimmert immer noch. Er erzählte, dass er sich jeden Tag in der Bücherei mit Spiritualität beschäftigt. Ein Teil von mir wollte abhauen, der andere Teil war neugierig. Ich fragte ihn, welche Erklärung er für folgende Situation hätte: In Melbourne habe ich mich mit der Tochter einer Kollegin aus der Müslifirma in Sydney getroffen. Wir fanden zusammen, da unsere Mütter am gleichen Tag im Krankenhaus durch die Wehen gehen mussten. Die rote Mütze meinte, dass das Treffen vorbestimmt war. In einem vorigen Leben waren wir möglicherweise Schwestern oder in einem anderen Geschlecht Ehepartner. Die Seele wird immer wieder geboren und wenn es mich nach Amerika oder Australien zieht, dann kann es bedeuten, dass ich etwas aus dem vorigen Leben ausbügeln muss. Ich werde nachdenklich. Das Licht flimmert immer noch. Das sind Sachen, über die man ewig grübeln und diskutieren kann, über die etliche Meinungen vorherrschen und man nie eine wahre Antwort finden kann. Jetzt reicht es. Ich bitte ihn, damit aufzuhören und deute auf die Lampe. Er meinte, er sei es nicht. Er könne es gar nicht sein, da er jeden Tag das Hostel von negativer Energie befreit. So etwas macht mir Angst – nicht, dass ich im Dunkeln allein durch die Straßen gehe, sondern genau so etwas.

Und weil es so schön war, folgt Roadtrip Nr. 2 [Hobart – Apollo Bay]

Mittwoch, 29.04.2015

Und wie es manchmal im Leben passiert, kommt einer daher, der mehr zu bieten hat und mit dem haut sie dann ab. In dem Fall war es ein Campervan mit integrierter Küchenzeile und Schlafplatz. Wir hatten große Pläne: Von Hobart auf dem Wasserweg nach Melbourne um von dort aus die Great Ocean Road abzufahren und schließlich in Adelaide einzurollen. Die erste Nacht verbrachten wir leider getrennt, denn es ging auf die Fähre und man hat uns auf getrennte Decks verfrachtet. Dem Kilometerstand nach hatte er schon einige vor mir. Der Schalthebel ließ sich nicht mehr ganz so geschmeidig bewegen und das Lenkrad musste ich etwas geneigt halten, damit er gerade aus fuhr. Jeder hat Macken!

Die Fahrt zur Fähre von Hobart nach Devonport führte einmal in der Mitte von Tasmanien von Süd nach Nord durch. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, dass die Überfahrt der Bass-Strait zum australischen Festland mittels kleinem Schiff erfolgt. Ich war richtig geblendet von dem Ozeanriesen. Tasmanien muss ja nun leer sein. Bars, Kino und Spielhalle sorgten für Unterhaltung in den 11 Stunden Überfahrt. Ein Nachtclub wäre mal noch eine Anregung für die, die nicht schlafen können. Mein Sitz war recht bequem, dafür dass es ein Sitz und kein Bett war. Am frühen Morgen in Melbourne angekommen waren wir wieder vereint und wurden gleich auf die Probe gestellt, ohne Navi aus der Stadt zu finden. Seitdem verbrachten wir jede Minute zusammen.

Torquay Anglesea und Split Point Lighthouse

Auf dem Princes Highway ging es zügig Richtung Westen nach Torquay. Dort beginnt die Great Ocean Road, eine der bekanntesten Küstenstraßen von Australien mit beeindruckenden Ausblicken auf die Südküste und Einblicken in das verwälderte Hinterland. Die Strecke von 243km wird gewöhnlich von Ost nach West gefahren um möglichst nahe an der Küste zu sein und von der Leichtigkeit, kurz anhalten zu können, Gebrauch zu machen.

An Torquay vorbei folgten kleine Stops in Anglesea und Aireys Inlet. In Lorne fand ich den perfekten Platz, um mit geöffneter Heckklappe das Meer zu beobachten. Das ist einer der Momente, nach denen ich mich sehnen werde, wenn ich irgendwann wieder im Büro sitze. Abgesehen von dem Asiaten, der mich in meiner Träumerei und Teifenentspanntheit störte und sich wie selbstverständlich in mein Reich einlud um Fotos zu machen, war die Atmosphäre friedlich. Eine Autostunde weiter rollten wir in den Campingplatz in Apollo Bay ein. Die Sitzecke des Campervans hatte ich bereits in eine Schlafecke umfunktioniert. Wer braucht schon einen Tisch, gegessen wird im Bett.

Lorne Apollo Bay