Berichte von 09/2015

Wo WORK aufhört und TRAVEL beginnt [Loxton]

Mittwoch, 02.09.2015

Wozu ich schon vor einem Monat bereit war, wird jetzt wahr: Ich verlasse dieses Kuhdorf und gehe endlich wieder auf Reise.

Wenn ich beim Einkaufen alte Gesichter aus dem Hostel treffe und staunend frage „Mensch, seid ihr immer noch hier?“ und zur selben Sekunde feststellen muss, dass sie zur gleichen Zeit angereist sind, sollte ich nun wirklich weiterziehen. Die Seiten meines Taschenkalenders blieben für die letzten vier Monate nahezu weiß; mein Reisetagebuch dagegen häufte sich mit Einträgen, in denen ich detailliert beschreibe, dass es mir hier - nett formuliert – nicht besonders gut gefällt.

Alltag beim Orangenpacken

Die Arbeit war sehr chaotisch, unorganisiert, unprofessionell und unmenschlich. Es gab den ein oder anderen Tiefpunkt, an dem ich zu gern meine Orangenbox ausgekippt und mit gehobenem Mittelfinger die Halle verlassen hätte. Grund war der würdelose Umgang mit uns Backpackern, die eintönige Tätigkeit und die langen Arbeitstage. Gehen plötzlich wie aus heiterem Himmel die Verpackungskisten aus oder die Maschine kaputt, heißt das unbezahltes, ungewisses Warten. Einmal bin ich in einem ruhigen Eck auf einer Palette eingeschlafen. Tief und fest, sodass ich nicht mitbekam, dass es schon wieder weiter ging. Eine Kollegin musste mich erst wecken. Ich wünschte, sie wäre nie gekommen.

Der big boss war immer da und schaute dir über die Schulter, war er es nicht, sas er vor dem Bildschirm und überwachte über die Kamera. Schon mal was von „Undercover Boss“ gehört?

Einen Tag ertönte um 21 Uhr noch einmal die Pausenklingel. Ich musste den Hansel, der die Läute betätigt hat, dreimal fragen, ob das ein Spaß sei. Dreimal blieb er ernst und schüttelte den Kopf. Kurz vor Mitternacht habe ich an diesem Tag...habe ich in dieser Nacht die Halle verlassen.

Zum Glück gab es an jedem Tag immer eine der mitleidenden Kolleginnen, die dich energiegeladen und munter wie auf Droge mit einer Was-solls-gibt-Schlimmeres-denk-ans-Geld-Einstellung mit Motivationsschüben wieder vom Boden aufgekratzt hat – hin und wieder war ich das auch mal. Das Gefühl, jederzeit abhauen zu können, hat mich dann doch immer noch einen Tag mehr hier behalten und schließlich waren es mehr als vier Monate. Nun genieße ich meine letzte Arbeitswoche. 

 

Zurück in Adelaide

Freitag, 11.09.2015

Wie ziemlich genau zur selben Zeit vor einem Jahr hieß es wieder: Vorratsschrank ausmisten, Shampoo in Fläschchen abfüllen, Sachen auf dem Bett auslegen, Reiseapotheke auffrischen, Unterkunft auflösen, Abschied von der Arbeit, Impfungen und Reisedokumente sortieren – nur alles im kleinerem Rahmen.

Schnell presste ich noch die letzten Blutorangen aus, hockte meinen Rucksack auf und stieg in den Bus Richtung Adelaide, von wo ich vor viereinhalb Monaten ungewiss und unruhig Richtung Loxton gestartet bin mit der Absicht, auf Farmen zu arbeiten. Dass ich in der ganzen Zeit nie das gemacht habe, was ich eigentlich vorhatte, nämlich Zitrusfrüchte zu pflücken, stört mich eigentlich nicht. In Loxton zu leben und Orangen zu verpacken bleiben für mich eine Once-in-a-lifetime-Erfahrung. Ich bin dabei gewesen und hoffe, keine weiteren Schäden davon getragen zu haben. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis ich auf diese Zeit zurückblicke und mich besinne, dass es so schlimm doch gar nicht war.

Lange wird es hoffentlich nicht dauern, denn schon in Adelaide bekam ich die volle Ladung Fröhlichkeit: in einem perfekt ausgestattetem, sauberem und modernem Hostel übernachten, was im Leben eines Backpackers schon an ein Ding der Unmöglichkeit grenzt; bei Sonnenschein auf der Parkbank einschlafen; Leute beobachten; shoppen und einfach in den Tag hinein leben.

Dem Opal auf den Grund gehen [Coober Pedy]

Samstag, 19.09.2015

Die vergangenen sechs Tage war ich mit einer geführten Backpackertour nach Alice Springs unterwegs. Die einzige Verbindung von Adelaide in das Zentrum Australiens ist der Stuart Highway, der bis nach Darwin im Norden knapp 3.000 km misst. Wir verließen Adelaide über die Weingebiete Clare Valley. Weiter ging es durch die Gebirgskette der Flinders Ranges und vorbei an einigen Salzseen, Schluchtenwanderungen und kleinen Countrytowns.

Salzsee

Nach 850 km erreichten wir eine kraterähnliche Landschaft mit aufgeschütteten Bergen. Es war plötzlich so heiß und die Fliegen klebten nur so am Gesicht. Das war Coober Pedy. Die Opalhauptstadt der Welt habe ich mir irgendwie spannender vorstellt. 1915 wurde auf der Suche nach Wasser zufällig Opal entdeckt. Heute lebt die Hälfte der Einwohner in den Erdbergen unterirdisch um sich vor der Hitze und, ich nehme an, auch vor den Fliegen zu schützen. In Coober Pedy selbst ist es heute verboten, nach Opalen zu schürfen, aber man kann in der Umgebung Ausbaggerungsstätten anmieten und selbst auf die Suche gehen. Was du findest, gehört dir. Man sollte genug Geld für die Ausrüstung, Geduld und Vorkenntnisse mitbringen. Wer das nicht hat, für den gibt es eine Alternative, das Noodling. Dabei wühlt man die aufgeschütteten Überreste der Opalsucher durch. Auch hier kann man mitnehmen, was man findet. Ob ich etwas gefunden habe, wer der Abnehmer war und ob ich dadurch reich geworden bin, kann ich nicht verraten. Denn das wird, wie damals auch, geheim gehalten.

unterirdische Wohnung und Kirche in Coober Pedy 

Übernachtet haben wir wie die Einwohner unterirdisch. Mit Doppelstockbetten wirkte der Schlafraum jedoch wie jede andere Unterkunft in Herbergen.

Der heilige Stein [Uluru Kata Tjuta Nationalpark]

Dienstag, 22.09.2015

Etwa 400km von Coober Pedy auf dem Stuart Highway entlang erreichten wir die Grenze der beiden Staaten South Australia und Northern Territory. Der heilige Stein war nicht mehr weit weg, etwa weitere 400km.

Grenze von South Australia und Northern Territory

Dass der Uluru oder Ayers Rock heilig ist und man ihn aus Respekt nicht besteigen sollte, wusste ich, aber wenn man schon einmal da ist, will man vielleicht auch rauf. Vor Ort wurde mir erst klar, was der Uluru für die Aborigines eigentlich bedeutet. Wenn Touristen den Uluru besteigen ist es so, als ob Fremde über das Grab der Großmutter laufen - so der Tourguide. Zudem fühlt sich der dort lebende Aboriginestamm verantwortlich, wenn Menschen beim Besteigen einen Sonnenstich bekommen oder gar abstürtzen. 35 Touristen sind schon ums Leben gekommen. Es ist eben ein Stein, gibt keinen Wanderweg, nur ein Stahlseil, was auf den 350m hohen Gipfel führt. Weiterhin sind keine Toiletten oder Müllkörbe vorhanden. Aus Angst, die Touristen würden ausbleiben, ist es bisher nicht verboten, hochzuklettern. Wir haben unsere Tour um den Uluru gemacht. Die 10 km waren spannender als angenommen. Es gibt Höhlen, in denen die Aboriginis Zeremonien gehalten haben oder die Kinder mit Geschichten belehrt wurden; Krater, Auskerbungen oder Wandzeichnungen, um dem nachfolgenden Stamm mitzuteilen, dass es hier z.B. Wasser oder essbare Pflanzen gibt.

  Uluru Uluru

Der Uluru ist nicht nur ein Stein, der irgendwo im Nirgendwo seine Daseinberechtigung hat, sondern ein Phänomen der Natur. Ablagerungen bildeten eine dicke Gesteinsschicht, die schließlich von der Horizontalen zusammengeschoben und gekippt wurde. Ein Teil der Schicht wurde freigelegt. Das ist das Stück, das aus der Erde ragt. Der größte Teil befindet sich unter der Erde.  An einigen Stellen kann man sogar eine 90 Grad Steigung beobachten und auch die vertikalen Schichten der Ablagerungen erkennen. Ziemlich einzigartig.

Sonnenaufgang am Uluru

Unweit vom Uluru erhebt sich die Bergkette Kata Tjuta, auch Olgas genannt. Beide Gesteine bilden den Uluru-Kata-Tjuta-Nationalpark. Kata Tjuta bedeutet "viele Köpfe", damit sind die Felskuppeln gemeint, die sich über eine Fläche von 22km² erstrecken. Für die Aborigines sind es zu Stein gewordene Riesen. Zwischen den Kuppeln, über Täler und Schluchten ging es einmal mitten hinein.

Kata Tjuta Kata Tjuta

Das rote Zentrum [Alice Springs]

Freitag, 25.09.2015

Auf dem Weg nach Alice Springs erhebt sich der Kings Canyon, der bis dato für mich nicht wirklich bekannt war, denn alles dreht sich doch nur um den heiligen Stein Uluru, wenn man an das australische Outback denkt. Der Wander- bzw. Kletterweg führte an tiefen Schluchten und Wasserlöchern vorbei, auf Sandsteinkuppeln und entlang steiler Felswände. Belohnt wurde der kräftezehrende Walk in der Mittagshitze mit Ausblicken über die Weite des Outbacks.

Kings Canyon Kings Canyon Kings Canyon

Zwischen den Höckern eines Kamels endete die Tour schließlich. Bevor sie als Lasttiere eingeführt wurden, gab es in Australien keine Kamele. Als sie nicht mehr gebraucht wurden, ließ man sie frei. Daher gibt es heute noch viele wilde Kamele in Australien.

Mount Conner

Ein Abenteuer der Tour war die Übernachtung in Swags. Das sind große robuste Schlafsäcke mit einer dünnen Matratze. Am Lagerfeuer unter freiem Himmel zu schlafen war eine unvergessliche Erfahrung. Solange man den Mund geschlossen hält, können einem die Spinnen auch nichts mehr.

Eingebettet in den McDonnell Ranges liegt Alice Springs und symbolisiert das rote Zentrum. Nach einigen Tagen völliger Abgeschiedenheit empfange ich wieder Handynetz. Endlich wieder ein Ort, der aus mehr als einer Tankstelle und einem Pub besteht. Dennoch habe ich mir Alice Springs größer vorgestellt.

Alice Springs Telegrafenstation

Sehenswert ist die Telegrafenstation, zu der ein Wanderweg durch die Steppe entlang eines ausgetrockneten Flusses führt. 1872 wurde die Telegrafenleitung von Adelaide nach Darwin durch das Outback verlegt und mit Unterseekabeln eine Verbindung zu Europa geschlossen. Anstatt Wochen dauerte es nur noch Stunden um eine Nachricht zu versenden oder zu empfangen. Und heute? Ich wische einmal über mein Smartphone und bin online – selbst in Alice Springs. Das war damals schon eine gigantische Leistung, da das Outback gerade mal 10 Jahre zuvor das erste mal durchquert wurde. Man wusste noch recht wenig von dem Teil Australiens. Alle 250 km auf der Strecke Adelaide nach Darwin befanden sich Telegrafenstationen, wo die Nachricht des Empfängers abschrieben und nochmals Buchstabe für Buchstabe mithilfe des Morsealphabets eingegeben und an die nächste Station weitergeleitet wurde, denn eine Nachricht hätte die gesamte Strecke von 3.200 km nicht überlebt.

Die zweite Hälfte des Stuart Highways [Alice Springs - Darwin]

Sonntag, 27.09.2015

Von Alice Springs nach Darwin sind es weitere 1.500 km, die ich mit einer Expresstour innerhalb von 48 Stunden zurücklege. Ich nahm an, mich auf dieser Fahrt ausschlafen zu können. Nichts war. Es gibt einige Pubs auf der Strecke, die zugekleistert mit Geldscheinen, Postkarten, abgelaufenen Führerscheinen und Kuscheltieren, eben alles was Besucher hier ließen, einen kurzen Halt wert waren.

Pub im Outback

Plötzlich im Nichts tauchen die Devil's Marbles auf, wie wohl damals auch, nur dass die Menschen mit Pferden und Kamelen stolperten - daher auch der Name "die Murmeln des Teufels". Sie wurden nicht etwa hierher gerollt, sondern haben sich erstaunlicherweise aus dem Boden herausgelöst. Durch Erdbewegungen entstanden Risse in der Granitschicht. Einzelne Felsbrocken wurden ausgespült und an die Oberfläche freigesetzt. Witterung und Erosion verliehen diesen Granitbrocken ihren runden Schliff.

Devil's Marbles

Die ultimative Outback Pub Experience gibt es in Daly Waters, wo wir die Nacht in einem urig lauschigem Roadhaus verbringen konnten. Neben Geld- und Führerscheinen ließen Besucher auch signierte Flipflops, Unterwäsche oder alte Autokennzeichen zurück. Geordnet und aufgehangen an den Wänden verleiht es dem Pub seinen ganz eigenen Charme. Bei Ankunft meinte unser Tourguide, wir können uns im Ort umsehen solange er tankt. Wir mussten, glaube ich, auf ihn warten. Dieser Countrytown hat 18 Einwohner. 

Pub in Daly Waters Pub im Daly Waters

Auf der Strecke zum Top End nach Darwin und gibt es einige heiße Quellen. Der natürliche Mataranka Pool ließ mich mit seinen 32 Grad gar nicht mehr los. 

Mataranka Spring

Top End [Darwin]

Mittwoch, 30.09.2015

Weg von den Jahreszeiten und hinein ins tropische Klima von Darwin heißt im Konkreten: Blasen von den Flipflops, 28 Grad warme Nächte, Husten von klimatisierten Räumen und juckende Mosquitostiche. Ich liebe es!

Darwin wurde von dem Zyklon Tracy 1974 komplett zerstört, danach aber mit Stolz wieder aufgebaut um ein noch freundlicheres Darwin zu schaffen. Das Zentrum ist nicht groß und besteht im Grunde nur aus zwei Parallelstraßen, an denn sich alles abspielt - besonders abends. Das erklärt den höchsten Bierkonsum ganz Australiens.

Darwin Waterfront Nightcliffs Darwin

Unweit von Darwin befinden sich zwei Nationalparks. Vor meinen Augen hatte ich ein Bild von kräftig ergrünten Wäldern mit rauschenden Wasserfällen, Wombats und Wallabies. Hier sind die Nationalparks vertrocknet und dürr. In der Regenzeit sieht es sicher anders aus, doch gibt es so starke Überschwemmungen, dass die Parks unzugänglich sind. Das Highlight in Darwin und ganz Australien war, die entsetzlich großen und Furcht einflößenden Krokodile in der Realität zu sehen.

Litchfield Nationalpark

Ansonsten kann man in Darwin ein recht gelassenes Leben führen, mit dem Mindil Beach Market zum Sonnenuntergang, einer Lagune, dem Open-Air-Kino und Bars. Da man wegen den Krokodilen nicht im Meer schwimmen sollte und zudem der Strand wenig ansprechend ist, flieg ich lieber nach Bali.

Darwin